zondag, januari 31, 2010

Spiegel online
30.01.2010
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Der frühere Sportlehrer und Jesuitenpater Wolfgang S., 65, räumte zudem in einer an seine Opfer gerichteten Erklärung ein, es sei "eine traurige Tatsache, dass ich jahrelang Kinder und Jugendliche unter pseudopädagogischen Vorwänden missbraucht und misshandelt habe". Daran sei "nichts zu entschuldigen".

Darüber hinaus gab der heute in Südamerika lebende Kirchenmann an, bereits 1991 seinen "damaligen deutschen Provinzialoberen eingehend über meine verbrecherische Vergangenheit informiert" zu haben. Somit wusste der Jesuitenorden seit etwa 19 Jahren von dem vielfachen Missbrauch. Stefan Dartmann, der heutige Provinzial der Jesuiten in Deutschland, bestätigte dem SPIEGEL, dass der Orden seinerzeit Kenntnis von den Straftaten des S. hatte. Man habe jetzt eine Anwältin mit einer Prüfung der Akten beauftragt, "um festzustellen, was genau die Jesuiten damals wussten und welche Konsequenzen erfolgten". 1992 trat S. aus dem Orden aus. Zuvor soll er auch an anderen Jesuitenschulen in Deutschland Jungen missbraucht haben, was S. heute nicht kommentieren will. Unter anderem war er an der Hamburger Sankt-Ansgar-Schule und von 1982 bis 1984 in Sankt Blasien im Südschwarzwald tätig. Dem damaligen Schuldirektor, Pater Hans Joachim Martin, war seinerzeit das "innige, väterliche Verhalten" des Pädagogen zu einigen Schülern aufgefallen. S. musste später das Gymnasium verlassen. Auch der Vatikan war laut S. über die Verfehlungen im Bilde. Er habe, heißt es in seiner Erklärung, dort "Zeugnis von meiner nichts beschönigenden Ehrlichkeit" abgelegt.

In Südamerika habe er "immer wieder engen Kontakt sowohl mit Folterern als auch mit Opfern" der Pinochet-Diktatur gehabt. Daher, so S., "war ich fast täglich mit meinem Spiegelbild als jahrelanger Kinderquäler konfrontiert". Mehrere Opfer reagierten entsetzt auf den Tonfall des Schreibens. In dem Dokument, datiert vom 20. Januar, wandte sich S. "an alle Personen, die ich als Kinder und Jugendliche missbraucht habe". Wörtlich heißt es: "Was ich dir und euch angetan habe, tut mir leid. Und falls du fähig bist, mir diese Schuld zu vergeben, bitte ich darum."
Dem SPIEGEL erklärte er: "Ich bin mit meiner Vergangenheit vor Gott und der Welt im Reinen."
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Auf Lehrer R., der nach seiner Berliner Zeit in Niedersachsen als Seelsorger in der Jugendarbeit wirkte, soll vor einigen Jahren eine Messerattacke verübt worden sein. Bei dem mutmaßlichen Angreifer soll es sich um einen ehemaligen Schüler des Canisius-Kollegs gehandelt haben.

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4 opmerkingen:

Werner zei

1 Der Missbrauch war systematisch geplant

Jahrzehntelang wurde über den Missbrauch am an der Berliner Elite-Schule geschwiegen. Doch nach der Aufdeckung der Vorfälle melden sich immer mehr ehemalige Schüler und berichten von sexuellen Übergriffen. Dabei wird klar, die beschuldigten Pater gingen planvoll vor. Die Mediatorin des Jesuitenordens, Ursula Raue, über den Skandal am Canisius-Kolleg.
Schon lange bevor die Vorfälle am Canisius-Kolleg in Tiergarten bekannt wurden, hatte der Jesuitenorden die Berliner Rechtsanwältin und Mediatorin Ursula Raue zur externen Ansprechpartnerin für Opfer sexuellen Missbrauchs durch Jesuiten oder Angestellte des Ordens gemacht. Sie soll zwischen Tätern und Opfern vermitteln. Diese Aufgabe hat plötzlich an Brisanz gewonnen.
Mit Ursula Raue sprach Anne Klesse.

MO: Frau Raue, wann haben Sie erfahren, dass es in der Vergangenheit sexuellen Missbrauch am Canisius-Kolleg gab?

UR: In der Ordenszeitschrift „Jesuiten intern“ ist im vergangenen Dezember ein Aufsatz zum Thema Kindesmissbrauch von mir erschienen. Der Rektor des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, hat den Artikel nach den Weihnachtsferien an die Eltern der aktuellen Schülerschaft geschickt. Daraufhin meldeten sich sowohl bei ihm als auch bei mir mehrere ehemalige Schüler. Sie erzählten, dass sie das, was ich in dem Artikel beschrieben habe, selbst erlebt haben. Das sei in den 70er-Jahren am Canisius-Kolleg gewesen.

MO: Von wie vielen Betroffenen gehen Sie denn aus?

UR: Anfangs waren es drei Männer, die anriefen und von Übergriffen erzählten. Dann wurde schnell deutlich, dass noch viel mehr ehemalige Schüler betroffen sein müssen. Diejenigen, mit denen ich Kontakt habe, sagten, sie wüssten von vielen weiteren Opfern. Zurzeit gehen Pater Mertes und ich von insgesamt etwa 20 Opfern aus.

MO: Sind damals ausschließlich Jungen betroffen gewesen?

UR: Nein, es hat sich auch eine Frau bei mir gemeldet. Allen gemein ist, dass sie etwas erlebt haben, das ihnen eine bis heute nicht verheilte Wunde zugefügt hat.

MO: Was genau ist damals passiert?

UR: Im Einzelnen kann ich das zurzeit nicht sagen. Meine Funktion ist die der Mediatorin, ich habe allen Beteiligten Vertraulichkeit zugesichert. Für den Moment gehen wir davon aus, dass es keinen schweren Missbrauch gegeben hat. Es geht es um sexuelle Übergriffe. Die Rede ist unter anderem von unangenehmen sexuellen Berührungen und von Selbstbefriedigung.

MO: In welchem Alter waren die Opfer damals?

UR: Die, von denen wir wissen, waren damals Pubertierende.

MO: Nachdem sich die ersten Opfer bei Ihnen gemeldet hatten, verschickte Pater Mertes ein Entschuldigungsschreiben an die potenziell betroffenen Jahrgänge…

UR Ja, nach den ersten Gesprächen mit Opfern war Pater Mertes der Meinung, man müsse etwas tun. Eine öffentliche Entschuldigung an die betroffenen Schülerjahrgänge könne den Opfern unter ihnen helfen. Danach stand das Telefon nicht mehr still. Es hieß auch, dass am Canisius-Kolleg schon in den 60er-Jahren Missbrauch stattgefunden haben soll.

MO: In seinem Brief schrieb Pater Mertes: „Mit tiefer Erschütterung und Scham habe ich diese entsetzlichen, nicht nur vereinzelten, sondern systematischen und jahrelangen Übergriffe zur Kenntnis genommen.“ Was bedeutet in diesem Zusammenhang „systematisch“?

UR: Ich verstehe darunter, dass der Missbrauch geplant stattgefunden hat. Dass es so eingerichtet wurde, immer mal wieder mit einem Schüler allein zu sein.

Werner zei

2 MO: Warum ist das alles erst jetzt, Jahrzehnte später, publik geworden? Warum hat sich keiner der Jugendlichen vorher jemandem anvertraut?

UR: In den Gesprächen jetzt wurde immer wieder deutlich, welch große Rolle die Scham spielt. Die Übergriffe beschäftigen die Opfer bis heute. Aber viele hatten bis jetzt mit niemandem darüber gesprochen. Bei Kindern und Jugendlichen ist das Schamgefühl stark ausgeprägt. Viele haben auch Schuldgefühle, sie denken: Ach, irgendwie habe ich ja auch mitgemacht. Die Opfer sind unsicher, auch über ihre eigenen Gefühle. Was alle gesagt haben: Die Situationen hätten sie damals als eklig und unangenehm empfunden.

MO: Spielte der Glauben eine Rolle, die Angst, die Jesuitengemeinschaft und die Schule in Verruf zu bringen?

UR: Explizit hat das niemand gesagt. Eher das Gefühl, selbst auch mitgemacht zu haben, sich nicht gewehrt, nichts dagegen unternommen zu haben.MO: Wurde auch Druck über die Notenvergabe ausgeübt? Dass gedroht wurde: Wenn jemand davon erfährt, gibt es ein schlechtes Zeugnis?

UR: Davon weiß ich nichts.

MO: Als Beauftragte des Ordens für Missbrauchsopfer sollen Sie nun zwischen Tätern und Opfern vermitteln. Wie wollen Sie das tun?

UR: Wie schon gesagt, wurden als Täter vor allem zwei Namen immer wieder genannt. Die beiden mittlerweile älteren Herren habe ich angeschrieben und mit den Vorwürfen konfrontiert. Ich finde es wichtig, ins Gespräch zu kommen, um klarzumachen, was die Opfer damals empfunden haben – und bis heute empfinden.

MO: Und wie haben die Männer reagiert?

UR: Ich halte Kontakt sowohl zu den Opfern als auch zu den Tätern. Die Situationen, um die es geht, beschreiben beide Seiten gleich – die objektiven Fakten stimmen also im Wesentlichen überein. Unterschiedlich sind jedoch deren Beurteilung und Wahrnehmung.

MO: Wenn die Fakten unstrittig sind, wie rechtfertigen die ehemaligen Jesuiten-Pater die sexuelle Gewalt, die sie den Schülern angetan haben?

UR: Das ist zu diesem Zeitpunkt schwer zu sagen. Aber man muss sehen, das sind Männer, die in Kriegs- und Nachkriegszeiten sozialisiert wurden. Gewalt, zum Beispiel die Prügelstrafe, war in den 50er-Jahren Bestandteil der Erziehung in der Schule. Damals war man noch nicht so sensibilisiert wie heute, was Gewalt bei Kindern und Jugendlichen bewirkt. Das ist keine Entschuldigung, aber vielleicht mit ein Grund für das Verhalten der Täter.

Werner zei

3 MO: Wie geht es jetzt weiter?

UR: Meine Funktion ist es, den Tätern die Wahrnehmung der Opfer zu vermitteln, sie zum Nachdenken zu bringen und das eigene Handeln zu überdenken. Das kann manchmal eine Weile dauern. In einem anderen Fall habe ich mal erlebt, dass der Täter seine Schuld eingesehen und einen Brief an das Opfer geschrieben hat, in dem er sich entschuldigte.

MO: Ist es denn das, was die Opfer wollen – eine Entschuldigung? Würde die nicht bloß dem Täter helfen, sein Gewissen zu erleichtern?

UR: Ich glaube, wenn die Entschuldigung ernst gemeint und substanziell ist, dann kann sie auf jeden Fall eine Hilfe sein, das Geschehene zu verarbeiten und damit weiterzuleben. Wahrzunehmen, dass sexueller Missbrauch zu einer Verletzung führen kann, die ein Leben lang nicht heilt, das ist wichtig.

MO: Was bedeuten die jetzt bekannt gewordenen Fälle für die Zukunft des Canisius-Kollegs?

UR: Das kann man jetzt noch nicht sagen. Strafrechtlich sind diese Fälle verjährt. Sexueller Missbrauch verjährt zehn Jahre, nachdem das Opfer sein 18. Lebensjahr vollendet hat, schwerer sexueller Missbrauch 20 Jahre danach. Die jüngsten Opfer, die mir in diesem Fall bekannt sind, sind mittlerweile 45 Jahre alt. Es geht jetzt also eher um die Wahrnehmung. Und um Zukunft. Die Opfer sollen ohne Scham oder Schuldgefühle leben, die Täter ihre Fehler einsehen. Wir müssen überlegen, welche Strukturen die Übergriffe begünstigt haben, wieweit sie heute noch existieren und verändert werden müssen. Wir werden Missbrauch nicht verhindern können, aber man kann das Risiko minimieren, indem man Menschen sensibilisiert. Dazu gehört, Kinder zu starken Persönlichkeiten zu erziehen, die ernst genommen werden, sich wehren können. Dazu kann auch gehören, sich mit potenziellen Tätern auseinanderzusetzen. Menschen mit pädophilen oder ephebophilen Neigungen können lernen, mit ihrer Veranlagung verantwortlich umzugehen. Wichtig ist dabei das Wissen um das Leid der Opfer.


Artikel erschienen am 31.01.2010

Werner zei

CANISIUS-KOLLEG
Nicht nur die Täter haben Schuld
Hajo Schumacher über den Missbrauch-Skandal am Berliner Canisius-Kolleg

Sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen gab es zu allen Zeiten, in allen Kulturen. Dass Erwachsene Macht und Mehrwissen ausspielen, um sich zu befriedigen, ist ein ewiges und kaum lösbares Phänomen der Menschheit. Die Statistik allerdings spricht gegen die landläufige Annahme, die Fälle häuften sich derzeit. Jedes Jahr werden etwa 15.000 Fälle in die Polizeistatistik aufgenommen, Experten von der FU Berlin gehen mit aller Vorsicht von einer Dunkelziffer von jährlich bis zu 300.000 Fällen deutschlandweit aus, wobei nicht jedes Toben in der Badewanne gleich eine Straftat bedeutet, wie hysterisierte Opfer-Profis glauben machen wollen.

Die Vorfälle am Canisius-Kolleg sind nicht ungewöhnlich, sondern brutale Realität. Es geschieht in allen Schulformen und Religionen und wird immer geschehen. Die entscheidende Frage lautet: Hätten Lehrer, Eltern, Schulleitung und Kirche die Missbrauchsfälle eindämmen können? Hätte man Opfer vor teilweise lebenslanger Seelenqual bewahren können? Die Antwort: Ja, man hätte.

Fakt ist: Das Canisius-Kolleg lud potenzielle Täter offenbar geradezu ein, so wie andere katholische Einrichtungen auch. Eine dort bisweilen herrschende Schweige- und Angstkultur, die der Canisius-Rektor Mertes offen zugibt, begünstigt eben, dass aus Gelegenheiten Taten werden und aus Nicht-Reden ein stabiler Schutzschirm für die Täter.

Mit den Augen eines Päderasten betrachtet, bot Canisius ideale Bedingungen: verklemmte Sexualmoral, die Sorge der Schulleitung ums Ansehen, Schüler unter Druck, ehrgeizige Eltern, ein gleichgültiges Kollegium und im schlimmsten Fall die leise Abschiebung in eine andere Jugendeinrichtung.

Weder Eltern noch Lehrer noch Mitschüler begehrten offenbar auf, wenn Geistliche regelmäßig zum „Psycho-TÜV“ genannten Ritual gebeten haben. Kaum vorstellbar, dass niemand außer den Beteiligten von seelischen wie körperlichen Entblößungen erfahren haben will. Gespenstisch die Vorstellung, dass dem Sitzenbleiben mit sexuellen Dienstleistungen zu entgehen war.

Systematischer Missbrauch kann nur funktionieren, wenn er durch systematisches Wegschauen gedeckt und womöglich noch ermutigt wird. Fast 20 Jahre lang wusste der Jesuitenorden von den Neigungen mindestens eines Pädagogen, der sich offenbart hatte. Geschehen ist offenbar nichts. Es werden die Täter aus der Pflicht genommen, sich in Behandlung zu begeben. Fällige Strafen bleiben aus. Kriminell wird es, wenn solche Pädagogen in einer anderen Gegend des Landes einfach weitermachen, weil der wahre Grund der Versetzung einträchtig verschleiert wird.

Die traumatisierten Opfer haben dagegen kaum eine Chance, sich offensiv mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen. Die gleichsam biblische Strafe für alle sind immense Schuldkomplexe mit ihrer zerstörerischen Macht. So richtig es war, einige Fälle nun öffentlich zu machen, so falsch war es, vier Jahrzehnte lang Missbrauch zu begünstigen und Täter davonkommen zu lassen. Nicht nur die Täter haben Schuld auf sich geladen.

Artikel erschienen am 31.01.2010